Nur Sportler brechen in die Ruhe ein
Die Dörfer des Languedoc liegen noch neben der modernen Freizeitregion
| Die Sonne brennt auf den Schultern.Nur ein leichter Luftzug streicht über das satt dunkelgrüne Wasser der Herault.Blau schimmernde Libellen gleiten über die Wellen. Am Ufer keine Straße, keine Dörfer, nur undurchdringliche Macchia in allen Grünschattierungen. Ein Paradies für Tiere -und für Kanufahrer. Ausgestattet mit einem grellgelben, geliehenen Plastikboot kann man hier im französischen Languedoc einen Tag lang die Welt vergessen und dem Lauf des Flusses folgen, an Burgruinen vorbei über wilde Stromschnellen bis zur Ankunft am Staudamm. Etwa zwölf Kilometer lang ist eine Tagesstrecke, eigentlich spielend in zwei Stunden zu erpaddeln. Aber nicht in Südfrankreich: Hier heißt es, den Tag genießen, an einem der einsamen Felsenstrände anlegen, picknicken, sonnen, schwimmen, den Libellen zusehen. Heute wird nur dreimal die träge Flußidylle von Kanus mit feucht-fröhlichen Franzosen gestört. In der Abendsonne plötzlich eine Silhouette: Den Hals zum "Z" gebogen, das Gefieder in der Sonne weiß glänzend, fliegt ein Silberreiher empor. Solche Naturwunder sind in Südfrankreich selten geworden. Aber hier in der Region "Languedoc-R,oussillon" beschränkt sich der Massentourismus noch auf die Küstengebiete. Nur im August - dem Ferienmonat der Franzosen - drängen sich selbst auf der idyllischen Herault die Paddelboote. |
| Malerisches Hinterland |
| Erst 1963 beschloß die französische Regierung, den dünn besiedelten Küstenstrich der Provinzen Languedoc und Roussillon, von der Camargue bis zu den Pyrenäen, zu einer modernen Ferienlandschaft umzugestalten. Während daher jetzt an der Küste Hotelburgen à la "Grande Motte" dominieren, gibt es im Hinterland nach wie vor malerische Dörfer. So wie Saint Jean de Fos: Umgeben von Weinfeldern, nur hundert Meter entfernt von der Herault, drängen sich die Häuser aneinander. Die Mauern sind krumm, ihre Granitsteine in allen Formen und Größen durch Mörtel zusammengehalten, vor den kleinen Balkons weht Wäsche. In den engen Gassen streichen die Dorfkatzen mit dem wuscheligen langen Fell entlang. Im Zentrum von Saint Jean de Fos, dem kleinen runden Marktplatz mit seinen fünf Pappeln, scheint die Zeit stillzustehen: Jeden Tag bei Regen oder Sonne sitzen hier - immer auf derselben Bank - die Dorfältesten. Die Gesichter braungebrannt, enge Strickjacken über karierten Hemden und die Baskenmützen tief in die Stirn gezogen, beobachten sie von morgens bis abends ihren Platz. Sie spielen nicht Boule, sie lesen nicht Zeitung, sie sitzen. Gleich ein paar Meter weiter, in der Seitengasse, die gleiche Szene. Diesmal sind es vier Frauen. Jede hat ihren Klappstuhl exakt neben der anderen aufgestellt, acht Schlappen wippen im Takt, acht Augen ziehen sich mißbilligend zusammen, wenn man vorbeigeht. Danach ducken sich die weißhaarigen Köpfe und sie beginnen zu tuscheln. Touristen gibt es zu dieser Jahreszeit kaum in dem kleinen Ort. Die meisten zieht es noch an die Küste. Doch einige Belgier, Holländer und Deutsche haben schon den Charme des verschlafenen Saint Jean de Fos und seiner Nachbarorte entdeckt: Aus einem baufälligen Haus in einer Seitengasse hört man Londoner Slang. Vorsichtig wird die Ruine zum Feriendomizil renoviert, Mauern im alten Stil erneuert und Dachterrassen ausgebaut. Fast in jedem Dorf kann man solche Häuser mit ausländischen Namensschildern an der Tür entdecken. Und vielen geht es wie dem belgischen Rentnerehepaar in Saint Jean de Fos: Sie bleiben für immer. Zwei Bäcker gibt es am Marktplatz und einen Gemischtwarenhandel. Schon nach dem ersten Tag wird man per Handschlag begrüßt, man erfährt alles vom Wetter bis zu den besten Caves de vins" (Weinkeller) - im hier typischen Akzent mit den harten Endungen, in dem ,pain" (Brot) zu peng wird. Daran muß man sich gewöhnen, nicht aber an die französische Lebensart: Vor dem Essen in der Dorfbar Pastis trinken, durch die Gassen spazieren, ausschlafen, frische Croissants zum Frühstück, kein Telephon, keine Hektik. Aber man ist und bleibt eben ein Nordeuropäer und lang kann man sich den vielen Möglichkeiten im Languedoc nicht verschließen. Da gibt es erstmal die Städte: Montpellier, Beziers oder Pezanas. Die Fahrt über Land führt durch endlose Pappelallen -wie ein Dom schließen sie sich über die Straße -, über die Hügel mit der rauhen Macchia, den Zypressen und dem leuchtend gelben Ginster. Fast immer weht auf der Hochebene ein leichter Wind, duftet es nach Tausenden von Kräutern. |
| Hier hat man Zeit |
| In den Städten laden die Straßencafes ein, um sich beim "menthe à l'eau" (Pfefferminzsirup) zu erfrischen. Der Kellner sitzt meist bei seinen Stammgästen, beobachtet gespannt das Kartenspiel und läßt sich Zeit. Aber die hat man hier ja auch. Richtig lebhaft und geschäftig wird es erst am Samstag, dem üblichen Markttag. Stände mit Wein, Bademoden, bunt gemusterten Stoffen, Käse und Oliven reihen sich aneinander. Billig sind französische Spezialitäten allerdings nicht, auch nicht im Languedoc. Berühmt ist die Gegend für ihre Tropfsteinhöhlen, wie die Grotte de Clamouse, nahe dem touristischen Wallfahrtsort Saint-Guilhern de Desert. Sieht man über die pseudo-spektakulären Lichtspiele und die ewig leiernde Sphärenmusik weg, gibt es tatsächlich Besonderheiten wie schneeweiße, filigrane Kristalle und ein unterirdisches Flußbett. Wer ins Languedoc reist, sollte aber nicht Sehenswürdigkeiten abklappern. Die Hauptattraktion ist der Flair der kleinen Dörfer und die Landschaft. Auch die Sportler kommen voll auf ihre Kosten. Am Lac du Salagou, mit seinem roten Ufer, umgeben von kargen Hügeln, treffen sich die Surfer. Der Wind ist meist besser als am Meer, und Surfbretter -vom Sinker bis zum Anfängerbrett - kann man leihen. In der ganzen Region, selbst in so kleinen Dörfern wie Aniane, gibt es Reitställe; im Juni oder Juli trifft man dort nur die Pferde und den Reitlehrer. Beim Ausritt brechen die Pferde über Trampelpfade mitten durchs Gestrüpp. Zweige mit spitzen Dornen schlagen ins Gesicht. Aber einmal der Macchia entkommen, galoppiert man über die Ebene, an idyllischen Kanälen vorbei, durch die Weinfelder, vergißt wieder, daß es Straßen gibt und Terminkalender und genießt Südfrankreich. |
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IRIS DOBBELSTEIN in der SZ vom 3.8.93 |
Aktualisiert am 10.10.98