Mit Paco durch den wilden Caroux

Eine Karawane geduldiger Lamas erleichtert das Wandern auf der französischen Hochebene

Nazca schüttelt mit dem Kopf, bevor sie sich angewidert abwendet. Auch Tequila schnuppert nur vorsichtig an der Quittenpaste und zieht die Oberlippe mißbilligend nach oben. Nur Paco schnappt sich ohne zu zögern den süßen Leckerbissen, um ihn genüßlich schmatzend zu vertilgen. Lamas sind Leckermäuler, Individualisten und spucken nicht, außer beim Streit um die Stuten oder in höchster Not. Chucho muß es wissen, der Kolumbianer ist ein erfahrener "lamatero".

Wie eine Karawane aus der Vergangenheit ziehen die bepackten Tiere über die Hochebene und lassen sich führen wie sanfte Lämmer. Auf dem steilen Pfad bergab zögern sie nicht, bewegen sich behende auf dem schlüpfrigen Geröll. Nach dem schwierigen Abstieg in die Schlucht verdienen die Lamas ihre Mittagspause, wie auch die Wanderer das Picknick. Große Farnblätter auf einem flachen Stein sind die dekorative Unterlage für den Ziegenkäse. Blüten und einige Kräuter um Pasteten und luftgetrocknete Würste drapiert, die Brotscheiben im Korb, aus Alupapier geformt Das Wasser des Baches rauscht über Granitfelsen. Geschützt vor den Mauern einer alten Mühle, müde von der Anstrengung und dem kräftigen Rotwein döst die Gruppe gemütlich im Schatten eines Walnußbaumes. Die Lamas, vom Gepäck befreit, ruhen mit ausgestreckten Hälsen auf dem Boden. Chucho, barfüßig, braunhäutig und langhaarig, summt einige kolumbianische Weisen.Abrupte Felsabhänge, von der Erosion geschaffene Formationen wie mit Riesenhänden gemeißelt.

Dunkelrote Adern im Gestein

Auf der Hochebene Ausblicke, die den Atem stocken lassen. Ganz weit hinten glitzert das Meer, davor Berge. Dann wieder ein abrupter Szenenwechsel innerhalb von nur wenigen Kilometern. Neben aufragenden Tannen eine blumenübersäte Wiese oder ein lichter Laubwald mit Kastanienbäumen und Eichen. Stille liegt über dem Land, nur unterbrochen vom hellen Geräusch der Lamahufe auf dem Gestein und dem Knarren der Bergstiefel der Wanderer. Trittsicher wie Ziegen überwinden die Tragtiere die engen Passagen, überspringen die herumliegenden Felsbrocken. Ab dem späten Vormittag brennt die Sonne auf der Haut, die Wasserflasche kreist. Lediglich die Lamas scheinen keinen Durst zu verspüren. Wie Chucho erklärt, kommen sie bis zu drei Tage ohne Wasser aus. Überhaupt sind die Tragtiere recht anspruchslos, können sich mit dem stachligen Gestrüpp als Nahrung zufriedengeben. Die vormittägliche Strecke Revue passieren lassen, während man dem Kauen der Lamas zuhört, hat etwas sehr Beruhigendes. Sanft gleiten die Gedanken hinüber in eine Siesta mitten im Caroux-Massiv. Der Caroux mißt nur 50 Kilometer hinter den Stränden des Languedocs eine Höhe bis 1000 Meter. Wer in dieses Massiv eindringt, begibt sich in eine andere Welt. Die vielfältigen Farben des Gesteins, von dunkelroten Adern durchzogen, silbrig oder grünglitzernd, dann wieder Grau- und Brauntöne, ockerfarbene, eisenhaltige Einschüsse, ein Kaleidoskop, wechselnd im Spiel von Licht und Schatten. Die Luft ist klarer als in den Weingebieten abseits der Küste. Deshalb sind die Sonnenuntergänge von kitschiger Leuchtkraft, ohne das dämpfende Restlicht von Ansiedlungen. "Un monde à part", so fremdartig in dem gewohnten mediterranen Bild, wie es sich keine hundert Kilometer weiter zeigt. Belebte Strandorte, lärmende Scooter Autos, Touristencafés, Zivilisation, wo soll das sein?

An den unteren Hängen gibt sich der Caroux noch sanft, den Weingärten folgen Obsthaine, dahinter Kastanienwälder. Bis vor wenigen Jahren wurden sie genutzt um Pfosten für die Befestigung von Weinreben zu schneiden. Wichtig ist, sagen die Alten, bei Neumond die dicken Zweige zu schlagen. Nur so ist der Pfahl haltbar und witterungsbeständig. Fast ohne Übergang wird der Gebirgszug dann schroff und abweisend. Je höher man die steilen Pfade erklimmt, um so unzugänglicher wirkt die Landschaft. Hier beginnt der Lebensraum der Mufflons, seit einigen Jahren wieder eingebürgert.

Gefräßiger Sonnentau

Eine Wildkatzenart ist im Caroux ebenso heimisch wie der weiße Milan. Oben auf dem Plateau, wieder ein völlig anderes Landschaftsbild mit weiten Heideflächen und Ginster, vom Wind zerzauste Büsche und niedrige Kieferngewächse. An einigen Stellen wird es sumpfig und feucht, dunkelbraune Wasserstellen verraten den Rest eines Hochmoores. Kundige Augen können den Sonnentau entdecken, gefräßige Pflanzen, die ihre Blüte den schwirrenden Mücken entgegenheben. Die Lamas werden langsam unruhig, wann es Zeit zum Aufbruch ist. Die Mittagshitze ist vorüber und Chucho überwacht das Festzurren des Gepäcks. Paco, das Süßmaul kratzt sich nochmals elegant mit den Hinterbeinen und läßt sich fast mit Daumen und Zeigefinger vorwärtsführen. Neugierig und interessiert beobachten die Lamas ihre Umgebung lassen sich gerne von ihren Begleitern ihre weichen, flauschigen Hälse kraulen. So eigenartig die Landschaft des Caroux erscheint, so exotisch wirken auch die Lamas. Ihr Einsatz für Trekkingtouren war die Idee von Pascal, der vor Jahren eine erfolgversprechende Karriere als Jurist und Politologe in Paris verworfen hat, um im Hauptberuf Aussteiger zu werden. Vor gut sechs Jahren wurde er auf die Tiere aufmerksam. Die für Wanderer bereits vorhandene Struktur von Bauerngasthöfen und Wanderhütten konnte auch für die Lama-Touren eingesetzt werden. Ein glücklicher Zufall führte zudem noch Chucho, den Kolumbianer, zu Pascal. Die Erfahrung des Südamerikaners mit den Tieren und das Engagement des Franzosen für seine eigenwillige, südfranzösische Wahlheimat ließ die Idee für Wandertouren mit Lamas bald Realität werden. Die meisten Gäste schätzen den gemächlicheren Rythmus des Wanderns mit diesen Tieren, der Zeit läßt zum Schauen. Die Karawane hat sich wieder in Bewegung gesetzt, die Trecker durchqueren einen Bach, der Anstieg auf einem steinigen Weg beginnt. Paco versucht im Gehen mageres Gezweig zwischen den Steinen zu zupfen. Jemand schaut gen Himmel, sieht weit entfernt einen riesigen Vogel durch den Himmel kreisen. Der Wind gibt ihm spielend Auftrieb. Ein Adler.

Von MONIKA KLEPPINGER, SZ vom 14.10.97, S. 911

Lamawanderungen werden von April bis November an zahlreichen Terminen durchgeführt. Jeweils zwei Wanderern wird ein Lama zugeteilt. Täglich werden vier bis fünf Stunden gewandert. Die Unterkunft erfolgt in Mehrbettzimmern in Hütten oder Bauerngasthöfen. Im Preis von 3050 FF sind Unterkunft, Führung, Vollpension und Wein enthalten. Für Gruppen zwischen fünf und 10 Personen können zusätzliche Touren organisiert werden . Außerdem werden Wanderungen mit und ohne Esel sowie Reittouren veranstaltet.

Auskunft: Sud Escapades, Le Mas de Riols, F-34260 Latour sur Orb, Tel. 0033/67231053, Fax 67953129 (Pascal spricht deutsch).

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Aktualisiert am 05.11.98